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ORCHESTER UND PIANIST
ALS GEFÜHLVOLLES GESAMTKONSTRUKT

 

Das letzte Konzert beim Koblenzer Musik-Institut im alten Jahr hatte nur zwei Programmpunkte. Beides indes dicke Brocken, die mit 50 und 55 Minuten Spieldauer den Abend in der Rhein-Mosel-Halle prall füllten: das Klavierkonzert Nr. 1 von Johannes Brahms und die Sinfonie Nr. 1 von Edward Elgar. Brahms genießt hier quasi Hausrecht, denn die intensive Pflege seines Œuvres hat beim Musik-Institut eine große Tradition. Auch gastierte der Komponist selbst zu Lebzeiten wiederholt als Dirigent und Pianist in Koblenz.

Knapp eine Generation nach seinem deutschen Kollegen geboren, galt der Brite im United Kingdom seit der Uraufführung seiner ersten Sinfonie 1908 in Manchester als heimischer Superstar der Klassik. 82 umjubelte Aufführungen erlebte die Komposition auf den Inseln allein im ersten Jahr. Während die Briten sich freuten, dass mal wieder einer der ihren ein Werk von internationalem Format geschaffen hatte, blieben die Reaktionen im übrigen Europa verhalten. Bis heute gehört Elgars Sinfonie Nr. 1 auf dem Kontinent nicht eben zu den Programmhits – obwohl es sich zweifelsohne um ein bedeutendes Werk handelt und die hohe Orchestrierungskunst seines Schöpfers belegt.

Für Garry Walker, den schottischen Chefdirigenten der Rheinischen Philharmonie, ist es eine Herzenssache, dem hiesigen Publikum die Sinfonie seines britischen Landsmannes nahezubringen. Überraschend der humorige Einstieg mit einem fast latschenden müden Schrittrhythmus. Das ist gewollt: Des Dirigenten linke Hand wirft dem Orchester entsprechend kraftlose Impulse zu. Faszinierend, wie Zug um Zug eine energetische Verdichtung aufgebaut wird. Daraus erwächst leuchtend jenes majestätische Thema, das über vier Sätze in verschiedenen Instrumentierungen mehrfach wiederkehrt und das Werk so zusammenhält.

Es gibt wunderbare Elemente in dieser Sinfonie, die in toto vom Orchester fabelhaft realisiert wird: der knackige Marsch im zweiten Satz etwa; diffizile Hochgeschwindigkeits-Passagen, mit äußerster Präzision gemeistert; die eindringliche Schlussapotheose um das Kernthema. Indes – und da mögen die Meinungen nun auseinander gehen: Es ist die Komposition selbst, die zwischen solchen Höhepunkten bisweilen recht langatmig, weitschweifig oder ähnlich einem Gemälde William Turners vage und diffus wirkt.

Verglichen damit, kommt heutigem Publikum das Klavierkonzert von Brahms wie eine kompakte, klare, herrliche Sache vor. Das war freilich im Veröffentlichungsjahr 1859 noch anders. Bei der Uraufführung in Hannover ein mäßiger Anstandserfolg, bei der Zweitaufführung in Leipzig von zu keinerlei Applaus bereitem Auditorium abgestraft, setzte sich das Werk erst mit der späteren Berühmtheit des Komponisten durch. In Koblenz übernimmt an diesem Abend der britische Pianist Steven Osborne den Solopart. Er und die Rheinische liefern eine rundum feine Arbeit ab, aus der zwei Aspekte hervorgehoben seien.

In die gewaltige Orchestereinführung mit ihren beinahe zornigen Trillerreihen flicht Osborne schier unmerklich das lyrische Seitenthema ein. Es ist, als wachse der Piano-Ton aus dem Orchester heraus und verschmelze alsbald wieder mit ihm. Übergänge, Stimm- und Führungsübergaben innerhalb der Rheinischen sowie zwischen ihr und dem Solisten bleiben das komplette Brahms-Konzert hindurch eine bestimmende grundsätzliche Qualität der Aufführung.

Ähnliches lässt sich über die Umsetzung des Adagio-Satzes sagen: Walker nimmt das Orchester ganz weit zurück, bis das Pianissimo fast nur noch ein Flirren ist. Dahinein setzt Osborne, teils nicht minder zurückgenommen, versonnen die Klavierstimme. Heraus kommt ein gefühlvolles Konstrukt in entzückender Schwebe zwischen Romantik und Impressionismus. Vielleicht war das der, auch jahreszeitlich passende, schönste Moment des Abends.

Rhein-Zeitung │ 11. Dezember 2017 │ Andreas Pecht


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TOSCA ALS SINFONISCHES EREIGNIS

 

Oper konzertant: Ergibt das Sinn? Bei manchem Werk würde man sofort zustimmen, manche Oper trägt schwer an der Handlung, die sich uns heute nicht mehr mitteilt, bietet aber so viel bemerkenswerte Musik, dass sich ein Vortrag ohne Bühnenbild, Kostüme und szenische Aktion anbietet. Oder: Ein Theater möchte neben allerhand szenischen Produktionen auch noch eine konzertante anbieten, weil man gerade einen Sänger im Ensemble hat, den man unbedingt in einer Rolle präsentieren möchte, aber die Produktion mit allem Drum und Dran scheut.

Man könnte sich noch mehrere Varianten ausdenken – so ganz überzeugen sie wohl allesamt nicht, wenn man sich fragt, warum das Theater Koblenz nur kurz nach einer ringsumher von der Regie wie auch von der musikalischen Umsetzung hervorragenden „Tosca“-Produktion drei konzertante Aufführungen des beliebten Werks auf den Spielplan setzt.

Da es aber für Melomanen und andere Opernfreunde gar nicht genug Puccini geben kann, durfte sich auch die erste von drei „Tosca“-Vorstellungen über guten Zuschauerzuspruch freuen. Und diese bekamen allen erwähnten Überlegungen zum Trotz, eine bemerkenswerte Aufführung geboten – und das, obwohl an diesem Abend zwei Systeme scheinbar in ganz unterschiedliche Richtungen zu streben scheinen.

Da sind zum einen die Sänger die sich – kaum verwunderlich bei der Geschichte um die Sängerin Tosca, in der reichlich Blut fließt und Leidenschaft, Eifersucht und Gewalt so nahe beieinanderliegen – auch darstellerisch voll ins Zeug legen. Als wollten Sie überdecken, dass sie in Konzertkleidung hinter Notenständern stehen.

Auf der anderen Seite steht Enrico Delamboye, Chefdirigent des Theaters Koblenz. Und er geht nicht den Weg, diesen Abend möglichst genau so erscheinen zu lassen, als wäre alles so wie immer minus ein bisschen Bühne und Kostüm: Mit dem Staatsorchester Rheinische Philharmonie entwirft er einen Klangrausch, wie ihn das Orchester nur in großer Besetzung auf der Bühne und niemals kleiner besetzt im kleinen Koblenzer Orchestergraben erreichen kann. Und die Platzierung ganz nach Gusto des Dirigenten sorgt etwa in der Kantate des zweiten Aktes für eine beglückende akustische Raumstaffelung. Und es kommt noch mehr hinzu. Delamboye wagt Dinge, die so schlicht und einfach gemeinsam mit szenischer Darstellung nicht funktionieren würden.

Wenn etwa im Kirchenbild des ersten Aktes die Messdiener auftreten und in ein lustiges Scherzen verfallen – was Puccini spielerisch tänzelnd auskomponiert hat -, werden sich in jeder Inszenierung auch szenische Aktionen für Chor und Kinderchor wiederfinden, die ein atemberaubendes Tempo und ebensolche Anschlüsse wie die jetzt von Delamboye gewählten verbieten würden. „Tosca“ also stellenweise – und das auch in wichtigen, sonst oft Wackler-behafteten Momenten, mal ganz anders. Dass dadurch der Fokus in Richtung Orchester und Dirigent verrückt wird, ändert nichts daran, dass die Sänger Beachtliches bieten und vom Publikum entsprechend gefeiert werden. (…)

Rhein-Zeitung │ 4. Dezember 2017 │ Claus Ambrosius


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ORATORIUM DER GROSSEN EMOTIONEN

 

Welche Dramatik, welche große Geschichte im Fokus des vierten Anrechtskonzertes in der Rhein-Mosel-Halle. Die Besucher des ersten Chorkonzertes der Saison erleben den Kampf Davids gegen Goliath, den Aufstieg des einstigen Hirtenjungen zum Herrscher eines Großreiches Israel von nie zuvor oder danach wieder erreichtem Umfang. Die Geschichte des biblischen Königs David ist schon in Georg Friedrich Händels Oratorium „Saul“ ein tragendes Element – Arthur Honegger inspirierte sie 1921 zu einer Schauspielmusik, die er für konzertante Aufführungen mit einem die Handlung referierenden Erzähler zum Oratorium erweiterte.

Die Begegnung mit diesem Werk von 1923 ist aufschlussreich – besonders dann, wenn sie wie jetzt in Koblenz mit dem Gloria des Honegger-Zeitgenossen Francis Poulenc verbunden wird. Als Mitglieder der „Groupe de Six“ stehen beide für französische Musik zwischen den Weltkriegen – für eine Rückkehr zu klassischen Formen im Bewusstsein des musikalischen Fortschritts. Beim tiefgläubigen Katholiken Poulenc wurde daraus in seinem „Gloria“ einerseits der erwartbare Lobpreis Gottes in der Höhe mit Pauken und Trompeten – aber auch eine unerhörte Verspieltheit, etwa im „Domini fili unigenite“.

Klangpracht und deren Brechungen durch eine klare Kante: Das gelingt der Rheinischen Philharmonie, allen voran den besonders geforderten Bläsern, an diesem Abend in beiden Stücken ausgesprochen gut. Und das auch, weil Mathias Breitschaft am Pult des Orchesters und als Leiter des Chores des Musik-Instituts die langen Entwicklungen und Bögen im Auge behält und die Werke nicht auf kurzlebige Effekte reduziert. (…)

Mit einem fulminanten, geradezu transzendenten Finale zum Tod Davids verweisen Text und Musik einerseits auf den kommenden Messias – andererseits zeigt sich auch hier der lyrische, nicht auf Äußerlichkeiten angelegte Interpretationsansatz Breitschafts. Eine runde Sache mit kleiner „Neuland“-Herausforderung für manchen Sänger und Zuhörer. (…)

Rhein-Zeitung │ 27. November 2017 │ Claus Ambrosius


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AKKORDEON ERZÄHLT
MUSIKALISCHE GESCHICHTEN

 

Im Künstlerhaus Schloss Balmoral in Bad Ems war unter dem Titel „De Profundis“ Musik für Akkordeon zu hören. Geschrieben von Frauen und auch gespielt von einer Frau: Eva Zöllner. Mit ihrer ungewöhnlichen Kunst des Akkordeonspiels eröffnete die Reihe „B.E.N.K – Bad Emser Neue Klänge“ die neue Spielzeit. (…)

Das Programm des Abends präsentierte zeitgenössisches Schaffen der jüngsten 40 Jahre. Mit Erläuterungen zu den jeweiligen Werken gab Zöllner dem hoch konzentriert lauschenden Publikum Hinwiese zur Komposition sowie zu den persönlichen Kontakten und der Zusammenarbeit mit den Komponistinnen. Den Anfang machte das Werk der serbischen Komponistin Milica Djordjevic „würde man denken: Sterne“. Offenbar hatten die Hörer kein Problem damit, sich auf die zeitgenössische Klangwelt des Akkordeons einzulassen. Auf die unendlichen Perspektiven klanglicher Differenziertheit, auf eine Dynamik, etwa von mystischen Verschattungen bis zum brutalen Aufschrei, die von kaum einem anderen Instrument diesseits der Elektronik erreicht wird.

Auf dem Programm standen Werke von Komponistinnen aus einer Vielzahl von Ländern: Georgina Derbez (Mexiko), Diana Cemeryte (Litauen), Younghi Pagh-Pan (Korea), Rebecca Sauners (England), Katharina Roth (Deutschland) und Yemit Ledesma (Peru). (…)

Das Finale hatte Eva Zöllner der russisch-tartarischen Komponistin Sofia Gubaidulina (geboren 1931) gewidmet. Für sie war das Akkordeon nie ein „niederes“ Instrument. Ihr „De Profundis“ (1978), das sich auf den 130. Psalm bezieht, war denn auch in seiner klanglichen Differenzierung zweifellos das wichtigste Werk des Abends. Das Publikum war hellauf begeistert.

Rhein-Lahn-Zeitung │ 28. November 2017 │ Karl Haxel


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JUNGER HORNIST TANZT MIT SCHUBERT

 

Fulminanter kann ein junger Musiker seine Karriere kaum starten als der 1984 in Tübingen geborene Hornist Christoph Eß. In rund zehn Jahren räumte er gleich reihenweise erste Preise bei den renommierten Wettbewerben ab, vom ARD-Wettbewerb über den „Prager Frühling“ bis zum Richard-Strauss-Wettbewerb. Das macht ihn zu einem der gefragtesten Hornisten seiner Generation, der künftig auch in Lübeck lehren wird. Kein Wunder also, dass neben der Kasse fürs zweite Orchesterkonzert der Saison im Görreshaus das Schild „Ausverkauft“ steht.

Schließlich übernahm Eß ausgerechnet auch noch in einem Werk von Richard Strauss den Solopart, im Hornkonzert Nr. 2 in Es-Dur. Strauss komponierte es 1942, in familiär angesichts der Krankheit seiner Frau und des ungewissen Schicksals seiner jüdischen Schwiegertochter Alice und ihrer Kinder düsteren Zeiten. Davon merkt man den Ecksätzen des späten, stilistisch aber dem jungen Strauss naherückenden Werks wenig an. Allegro-Sätze, in denen der Solist geschwind und abwechslungsreich mit dem Orchester kommuniziert und sich dabei durch Virtuosität in schnellen Läufen und Arabesken profilieren kann. Eß glänzt hier gleichermaßen durch traumwandlerische Technik wie durch seinen weichen, warmen Ton und verleiht dem langsamen Mittelsatz eine Tiefe und Innigkeit, die etwas von den Gefühlen des Komponisten im Entstehungsjahr seines Werks ahnen lässt. Garry Walker, als Chefdirigent der Rheinischen Philharmonie in seiner ersten Saison in Koblenz aktiv, stellt gerade hier, in diesem Satz, alles auf den Solisten ab, grundiert für ihn mit dem Orchester samtigen, fast kammermusikalischen Fond.

Ähnlich rasch wie Strauss, in nur wenigen Frühsommertagen des Jahres 1815, komponierte Franz Schubert seine Sinfonie Nr. 3 in D-Dur, D 200, unverkennbar in den Fußstapfen eines Mozart oder Haydn. Eine Sinfonie, die alle vier Sätze jugendfrisch unbekümmert durchtanzt, von der eher nachdenklichen Einleitung und wenigen dunkleren Momenten abgesehen, ein Werk, in dem sogar an die Stelle des langsamen Satzes ein reizendes, volkstümliches Allegretto tritt, dem man den Lieder-Schubert anmerkt. Walker lässt sich ganz auf dieses Tanzen und Singen, das vor allem auch den Holzbläsern schöne Momente bietet, ein. [...] 

Diese Interpretation hätte vermutlich auch Antonín Dvořák gefallen, Liebhaber, anders als Brahms, gerade der frühen Schubert-Werke, mit dessen „Legenden“ die Philharmonie das Konzert beschließt. Genauer: mit sieben der eigentlich zehn zum op. 59 geschnürten und ursprünglich für Klavier zu vier Händen komponierten Stücke, allesamt so etwas wie slawische Tänze en miniature. Knappe, farbenreich instrumentierte Charakterskizzen sind das, die im Minutentakt zwischen Elegie und Feuer, zwischen Leidenschaft und Leichtigkeit pendeln. Werden sie so präzise pointiert dargeboten wie an diesem Nachmittag von der Rheinischen, kann man das Glücksgefühl eines Eduard Hanslick beim Zuhören nachvollziehen.

Rhein-Zeitung │ 21. November 2017 │ Lieselotte Sauer-Kaulbach


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KLASSIK BEGEISTERT PUBLIKUM

 

Wer behauptet denn seit Jahren immer wieder, Klassik sei out? Die Rheinische Philharmonie Koblenz schaffte es beim zweiten Anlauf am Samstagabend im Stadttheater Idar-Oberstein ein bis in die höchsten Ränge sitzendes Publikum restlos zu begeistern. Nur eines muss der neue Chefdirigent Garry Walker noch lernen: Wenn das Idar-Obersteiner Publikum auch nach vier „Vorhängen“ noch sitzen bleibt und weiterklatscht, dann muss eine Zugabe her.

Günter Müller-Rogalla, der aus Mittelreidenbach stammende neue Intendant der „Rheinischen“, der mit einer interessanten Konzerteinführung aus dem Nähkästchen geplaudert hatte, freut sich mit den Veranstaltern, dass es gelungen ist, das Stammpublikum zurückzuholen und plant bereits für das kommende Jahr ein Konzert mit Werken von Glinka, Glasunow und Tschaikowsky. Mit einem liebenswerten und attraktiven Programm überzeugte die bestens disponierte Rheinische Philharmonie Jung und Alt.

Gleichsam zum Todestag (19. November) des nur 31 Jahre alt gewordenen Franz Schubert musizierte das Staatsorchester die dritte Sinfonie D-Dur des 18jährigen Komponisten, die ihre erste öffentliche Aufführung erst 1881 erlebte. Die vier Sätze boten dem aus Schottland stammenden Dirigenten Gelegenheit, mit Eleganz und tänzerischer Anmut die vier Sätze zum Hörerlebnis werden zu lassen. Wie in Italien gab es auch in Idar-Oberstein zwischen den Sätzen Szenenapplaus. Wen wundert es? War das „Allegro con brio“ nach der langsamen Einleitung nicht wahrhaft feurig, und bezauberte der dreiteilige Liedsatz dank fein abgestimmten Wechselspiels zwischen Streichern und Bläserduo nicht dermaßen, dass auch nach dem rasanten Scherzo sowie dem an Rossini erinnernden sprudelnden Finale der spontane Beifall aufbrandete?

Zwischen jugendlichem Elan und Altersweisheit stehen die beiden Hornkonzerte in Es-Dur von Richard Strauss, die der Sohn eines der bedeutendsten Hornvirtuosen des 19. Jahrhunderts mit 18 Jahren für Waldhorn und 60 Jahre später für das moderne Instrument komponiert hat. Sie umspannen das gigantische Lebenswerk des mit Opern und Tondichtungen bedeutenden Münchner Komponisten. Mit Christoph Eß, dem Solohornisten der Bamberger Symphoniker und Preisträger namhafter Wettbewerbe wie dem ARD- oder Richard-Strauss-Wettbewerb in München, spielte ein Meister seines Faches in Idar-Oberstein das wegen seiner Schwierigkeiten selten gespielte Alterswerk.

Mit souveräner Technik spielte der beeindruckende Solist zungenbrecherische und vertrackte Läufe so atemberaubend, wie sie nur von einem wahrhaften Virtuosen zu bewältigen sind. Die edlen Kantilenen und der gewaltige Tonumfang sowie die Ausdruckskraft mit der Eß das Spätwerk interpretierte, sorgten für nachhaltigen Genuss. Dirigent Walker wusste mit kammermusikalischer Transparenz das Orchester so zu führen, dass spielerische und lyrische Passagen in der Begleitung ein kongeniales Gesamtkunstwerk bildeten. Während der drei Sätze klatschte dieses Mal niemand, denn frappierendes Staunen hielt das Publikum gefangen. Stattdessen gab es Bravorufe und überwältigendes Lob für das neue Programm auch in der gut besuchten Erfrischungspause.

Ein strategisch geschickter Zug war es, den zweiten Teil mit dem lyrischen Zyklus der „Legenden“ aus Opus 59 von Antonín Dvořák zu gestalten. Ursprünglich für Klavier zu vier Händen geschrieben, entwickeln diese klanglich delikat zwischen Streichern und warmem Bläserklang sowie der Harfe vom Komponisten orchestrierten Stücke eine besondere romantische Poesie oder wie Johannes Brahms sagte: „Sie sind alle schön!“ Das bestätigte auch das andächtig lauschende Publikum mit verdientem Beifall für ein bestens aufgelegtes Orchester und den dynamischen Chefdirigenten Walker.

Nahe-Zeitung │ 21. November 2017 │ Elisabeth Jost


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MUSIKALISCHER KRIMI

 

Wuchtige Pauken, aggressive Streicher, militante Trompeten – es war ein von der ersten bis zur letzten Minute währender Kampf um Leben und Tod, den sich die Rheinische Philharmonie und ihr neuer Chefdirigent Garry Walker am Dienstagabend im Neustädter Saalbau geliefert haben. Beim zweiten Abokonzert präsentierten sie Werke von Benjamin Britten, Gustav Mahler und Dmitri Schostakowitsch.

Hut ab vor dem Mut, sich einen ganzen Abend lang ins kalte Fahrwasser des 20. Jahrhunderts zu begeben. Den Startschuss für das zweistündige Seelendrama der facettenreich aufspielenden Gäste aus Koblenz gibt Benjamin Britten mit seiner 1974 nach seiner Herzoperation komponierten „Suite on English Folk Tunes – A Time There Was“ – eine Steilvorlage für den englischen Dirigenten Garry Walker. In seiner Heimat zählt er zu den großen Pultstars seiner Generation. Nun schickt er sich an, aufregende Akzente in der deutschen Orchesterlandschaft zu setzen.

Zum Anfang demonstriert der temperamentvolle Engländer mit energischem Zugriff, dass Brittens Suite op. 90 mehr ist als nur ein Arrangement fröhlicher Volkslieder. Einfach grandios ist die farbenreiche Instrumentierung mit ihren wunderbaren Harfenklängen und den zahlreichen Soli der an diesem Abend bemerkenswert strahlende Glanzlichter setzenden Holz- und Blechbläser. (…) Grundlage für Brittens Liebeserklärung an die Insel ist die Volksliedersammlung seines Freundes Percy Grainger, die er in seiner Suite zu einem sphärisch-schönen Stimmungsbild bündelt. Darin dürfen natürlich die ausgelassenen landestypischen Fiddle-Klänge nicht fehlen.

Der eigentliche Ernst des Abends folgt mit den „Kindertotenliedern“ von Gustav Mahler. Hier stehen Dirigent und Sängerin vor der Wahl zwischen einer der Trauer um die eigenen Kinder angemessenen farblos-gehauchten zurückhaltenden Darstellung und einer Interpretation, die den Kummer in rührseliger Weise zum Erklingen bringt. Was erleben wir im Saalbau? Für den Solopart hat Garry Walker seine in England als erfolgreiche Opernsängerin etablierte Landsmännin Ruby Hughes mitgebracht. Sie offenbart an diesem Abend zur allgemeinen Überraschung ausgesprochen lyrische Qualitäten und verleiht mit ihrer natürlich-schlichten Stimme der Trauer Ausdruck. (…)

Garry Walker und sein Orchester unterstützen die Sängerin in ihrem Bemühen um Understatement und begleiten gedämpft, bringen dabei immer wieder Licht ins Dunkel. Es ist die hoffnungsvolle Seite des Unvermeidlichen, die die Rheinische Philharmonie entdeckt: die Darstellung des Lebens und des Todes als unausweichliche Stationen im Prozess der ewigen Erneuerung.

Seine Fortsetzung des Kampfes um Leben und Tod findet der aufwühlende Abend in der Wiedergabe der 1937 komponierten 5. Sinfonie von Schostakowitsch, jenem vom damaligen Publikum gefeierten Werk, das der Komponist unter dem Eindruck der vernichtenden Kritik seiner Oper „Lady Macbeth“ durch die „Prawda“ und der drohenden Repressalien durch das Stalin-Regime produzierte. Bis heute ist man sich nicht so ganz sicher, ob Schostakowitsch mit seiner umwerfend wuchtigen Musik echten sowjetischen Jubel zum Ausdruck bringen oder den Oberen ein Schnippchen schlagen wollte. Die Rheinische Philharmonie entscheidet sich für die letztere Lesart und serviert einen aufwühlenden musikalischen Krimi, der wenig Spielraum für entspanntes Zurücklehnen lässt.

Walker wählt für den Schluss die eindringlich-langsame und nicht die von Leonard Bernstein bevorzugte schnelle Version: das angebliche „Licht“ und die „Erlösung“ als gnadenlos wälzender Marsch, mit im Fortissimo schabenden Geigen, donnernden Pauken und jaulendem Blech. Das tut richtig weh. Noch ein versöhnliches Betthupferl als Zugabe? Nein, das hätte nicht gepasst. Nachdenklich gestimmt geht’s nach Hause.

Die Rheinpfalz │ 16. November 2017 │ Markus Pacher


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HINTERM NEBELVORHANG
WARTET EIN KLANGRAUSCH

 

Der erste Teil des Abends bringt Novemberstimmung in die Koblenzer Rhein-Mosel-Halle. Benjamin Brittens Suite „A Time There Was“ schmeckt weithin nach nebelverhangenen grauen Frösteltagen. Die folgenden „Kindertotenlieder“ von Gustav Mahler verströmen Gram und tiefe Trauer. Nach der Pause übernimmt beim jüngsten Anrechtskonzert des Musik-Instituts mit Dmitri Schostakowitschs  5. Sinfonie opulent auftrumpfende Großsinfonik das Regiment. Deren Umsetzung durch die Rheinische Philharmonie unter Garry Walker wird zu Recht mit sehr langem und lautem Beifall gefeiert.

Hierzulande selten, in Koblenz womöglich noch nie gespielt, dürfte kaum ein Zuhörer Brittens Opus 90 über einige englische Volkslieder je gehört haben. Was vom Titel her simpel klingt, erweist sich als recht hakelige Komposition. Die verlangt von Musikern wie auch vom Publikum ab dem ersten Takt hohe Aufmerksamkeit. Ist das gewollt mit den schrägen Tönen oder spielt da jemand falsch? Gehört das so mit den teils wie hingespuckt wirkenden Soloeinwürfen?

Allenthalben Unsicherheit im Auditorium, das meist nicht einmal die dem fremden Werk zugrunde liegenden Volkslieder kennt. Spannend ist die Sache dennoch. Es steckt nämlich allerhand drin in dieser Suite, das der Entdeckung wert ist. Und spätestens, wenn man in deren vierten Teil „Hunt the Squirrel“, mit nachgeahmtem Dudelsack-Bordun und verfremdeter Pub-Fidel den vertrauten Boden des Scottish-Irish Folk unter den Füßen spürt, wird nachvollziehbar: Was Britten daraus gemacht hat und die Rheinische hier versiert umsetzt, ist hohe Kunst und auf eigene Art schön. (…)

Ruby Hughes führt einen angenehm unprätentiösen, hier in wunderbarer Schlichtheit auf zarten Liedgesang, nicht füllige Opernarie eingestimmten Mezzosopran. Zu diesem Schluss kommt, wer ihr inniges Singen denn deutlich hört und nicht nur ahnt. (…) Vor allem bei den tieferen Passagen verliert sich die schöne Stimme fast in den Weiten der großen Halle – obwohl Walker das Orchesterspiel, wo immer die Komposition es erlaubt, auf schiere Kammermusikdimension reduziert. Gleichwohl darf die Sängerin warmen, herzlichen Applaus entgegennehmen. (…)

Zur abschließenden Schostakowitsch-Sinfonie sei kurz, bündig, zweifelsfrei notiert: Die Realisation durch die Rheinische Philharmonie ist ein Bravourstück an orchestraler Stimmigkeit. Das Werk verlangt allen Instrumentengruppen höchste Präzision und zugleich gefühlige Feinsinnigkeit bei den Stufungen von zart-innerlicher Melancholie über Sehnsucht nach Lebensfreude wie auch das Ausleben selbiger quasi auf dem Tanzboden ab – bis hin zum Glorienbombast vorgetäuschter Massenglückseligkeit.

Und was das Werk verlangt, wird an diesem Abend auf allen Positionen sauber differenziert, sorgsam verwoben und zugleich mit inspiriertem Enthusiasmus geliefert. Walker fährt die dunklen Elemente in den ersten drei Sätzen etwas zurück, hebt stattdessen das menschliche Wünschen, Hoffen und die kleinen Freuden an.

Das unterstreicht jene von Schostakowitsch meisterhaft gearbeitete Heiterkeit, die der Sinfonie auch eigen ist – eine zeitlose humane wie musikalische Autonomie gegenüber den stalinistischen Zwängen behauptend, denen er bei ihrer Schöpfung ausgesetzt war. Was den allweil umstrittenen Schlusssatz der Fünften mit seinem scheinbaren Verherrlichungspathos der Oktoberrevolution angeht: Die bis in den ärgsten Furor hinein gefasste, disziplinierte Spielweise der Rheinischen schafft eine frappierende Durchsichtigkeit der Klanggewalten. Da kann der aufmerksame, nicht vollends im Klangrausch versunkene Hinhörer etwas von der raffinierten Doppelbödigkeit des Finalsatzes erkennen: Hier, da, dort distanziert sich der Komponist vom selbst geschaffenen Bombast.

Rhein-Zeitung │ 13. November 2017 │ Andreas Pecht


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WARUM WALKER MIT REGENSCHIRM DIRIGIERT

 

Was als „Auswärtsspiel“ des Staatsorchesters Rheinische Philharmonie begann, hat sich im Lauf der Zeit zu einer kleinen, aber feinen Konzertreihe entwickelt, die sich zunehmender Beliebtheit erfreut: „Klassik in Mayen“. Am Montag begann die neue Saison. Und es stand ein weiterer Neustart im Fokus. Erstmals fand der neue Chefdirigent den Weg nach St. Veit: Garry Walker. „Man muss die Musik zu den Menschen nach draußen bringen“, so hatte er sich kürzlich sinngemäß geäußert.

Das Willkommensgeschenk der Stadt Mayen, ein Regenschirm, könnte passender nicht sein – der Mann ist schließlich Schotte. Dass er es zu schätzen weiß, macht er gleich zu Beginn klar, um anschließend unverzüglich sein Gastgeschenk auszupacken. Englische Musik der vorvergangenen Jahrhundertwende gibt es, auf drei unterschiedliche Arten verpackt, dargeboten von einem Orchester in Reisegröße.

Paket Nummer eins – Peter Warlocks „Capriol Suite“ für Streicher – enthält eine Sammlung traditioneller, englischer Tänze. Ab dem ersten Ton entspinnt sich das Sujet englischen Landidylls. Ein beschwingter Dreiertakt mit ebensolcher Melodie  lässt den Zuhörer an sattes Grün denken, der so typisch „englische Ton“ verlässt den Raum nicht mehr. Im Anschluss folgt das Thema der wohl bekanntesten Pavane: Belle, qui tiens ma vie“. Weich und innig ist es umgesetzt, ohne die aufrechte Haltung zu verlieren. Wer bislang geglaubt hatte, ein reines Streichorchester sei nur die „halbe Miete“, wird hier eines besseren belehrt. Komponist Warlock spielt nahezu alle Möglichkeiten aus, die diese Instrumentenfamilie bietet. Breite Abstriche lassen rasselnde Rüstungen erscheinen, den Tourdion begleitet ein pulsierender Herzschlag im Staccato, eine elegische „Air“ bezeugt die Nähe von Streicherton und menschlicher Stimme.

Ähnliches gilt auch für das einzige Blasinstrument des Abends, die Klarinette. Im zweiten Paket wird Michael Collins mitgeliefert, seines Zeichens Solist von Weltrang und – man ahnt es bereits – Engländer. Gerald Finzis Klarinettenkonzert op. 31 ist deutlich expressiver gestaltet als die Suite Warlocks, kann aber den bereits erwähnten englischen Ton trotz aller Bemühungen nicht verleugnen. Mühelos und ohne den organischen Gesamteindruck zu verlassen, legt sich das Obertonspektrum des Klarinettenklangs über das der Streicher. Diese sind von Finzi keineswegs zu reiner Begleitmasse reduziert, die nur dann hervortreten darf, wenn dem Solisten Pausen verschafft werden müssen. Man agiert ebenbürtig. Collins Spiel ist unaufgeregt, fast lässig. Technische wie musikalische Schwierigkeiten fließen wie nebensächlich ein. Höhepunkt ist der dritte Satz, eine als harmloses Rondo verkleidete Ansammlung musikalischer Zumutungen für die Klarinette. Merkt man das den Musikern an? Zu keinem Zeitpunkt, am wenigsten Michael Collins selbst.

Das dritte Paket ähnelt dem ersten und schließt damit den Kreis. Die „St. Paul’s Suite“ von Gustav Holst zitiert ebenfalls traditionelles englisches Liedgut. Am Ende erklingt „Greensleeves“ in schmelzenden Celli über wogender Begleitung. Das angelsächsische Grün erfährt musikalische Präsenz und bildet somit den Rahmen eines hinreißenden Konzertabends.

Ein grandioser Einstand Garry Walkers, dem das Mayener Publikum endgültig verfällt, als er zum Dirigat der Zugabe schließlich seinen neuen Regenschirm zum Taktstock umfunktioniert.

Rhein-Zeitung │ 8. November 2017 │ Julia Heinrich


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THEATER KOBLENZ HEBT
EINEN SCHATZ DER OPERETTE

 

Die Operette erlebt seit einigen Jahren eine Renaissance. Verschollen geglaubte Schätze werden gehoben, in Vergessenheit geratene Werke wiederentdeckt. So jetzt auch in Koblenz: Das Stadttheater zeigt „Ball im Savoy“, die unbekannteste der drei bekannten Operetten Paul Abrahams – die anderen sind „Vikroria und ihr Husar“ und „Die Blume von Hawaii“. Am 23. Dezember 1932 wurde „Ball im Savoy“ in Berlin uraufgeführt. Anscheinend nichts lässt darauf schließen, dass die Nazis einen Monat später die Macht übernehmen werden, zudem spielt der Ehehschwank mit „Fledermaus“-Ingredienzen in Nizza: Nach einer einjährigen Hochzeitsreise kehren Marquis Aristide de Faublas und seine Gattin Madeleine in ihre Villa zurück.

Dort angekommen, erhält Aristide von einer Verflossenen, der mannstollen Tangolita, eine Einladung zum Ball im Hotel „Savoy“ – versprach er ihr doch einst, irgendwann ein letztes Mal mit ihr zu soupieren. Madeleine kommt ihrem Mann auf die Schliche und mischt sich verkleidet unter die Ballbesucher, mithilfe ihrer Freundin Daisy, die unter dem Pseudonym Pasodoble als Schlagerkomponist von sich reden macht. (…)

Nicht mehr als eine amüsante Posse also? Doch! Dies beweist die Koblenzer Inszenierung, indem Regisseur Ansgar Weigner eine entscheidende Änderung vornimmt: Er verlegt die Handlung nach Berlin. Dadurch ändert sich die Atmosphäre grundlegend. Jeder Tango führt nun am Abgrund entlang, jeder Charleston wird zum sprichwörtlichen Tanz auf dem Vulkan. Ist vor der Pause die Stimmung noch ausgelassen, können die Figuren hinterher den Amüsierbetrieb nur noch mit viel Alkohol aufrechterhalten. (…)

Nach 1945 wurde in Deutschland meist das subversive Potenzial der Operetten der Weimarer Republik gezähmt. Das Ekstatische wurde ins Gefügige, das Mondäne ins Biedere verwandelt. Wollte Abraham der immer brauner werdenden Welt trotzig grenzüberschreitendes, das heißt kosmopolitisches Amüsement entgegensetzen, nutzte man Jahrzehnte später die Operette aus, um vermeintlich die gute alte Zeit einzuhegen. Nicht nur Weigners Inszenierung, die an das Musical „Cabaret“ denken lässt, sprengt diese Grenzen wieder auf, auch die Musik bleibt in jeder Minute frisch und frech.

Im Graben wähnt man eine Jazzband, ein Tanz- und ein Revueorchester – nur wer den Illusionsbruch will, wird daran denken, dass dort unten die Rheinische Philharmonie sitzt, so authentisch und effektvoll dynamisch effektvoll bringen Dirigent Daniel Spogis und die Musiker das Berlin des Jahres 1932 zum Klingen. (…)

Zur Operettenrenaissance leistet Koblenz einen – trotz zweidreiviertel Stunden Aufführungsdauer – kurzweiligen und sehr unterhaltsamen Beitrag, der aber auch klug darüber reflektiert, dass die Lust an der Operette ein Krisensymptom ist: Unterhaltung gegen den Ernst der Lage ist gegenwärtig wieder gefragt. Die Inszenierung und das Orchester machen jedoch sicht- und hörbar, warum das Ausgelassene nicht die Auslassung des Politischen bedeuten sollte.

 

Rhein-Zeitung │ 30. Oktober 2017 │ Wolfgang M. Schmitt


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HINREISSENDER DIALOG ZWISCHEN
DIRIGENT UND ORCHESTER

 

„Das Orchester hier hat mit einer Wollust geübt und gespielt und mich gelobt, wie es mir noch nie passiert ist.“ Derart freute sich Johannes Brahms über die triumphale Uraufführung seiner 2. Sinfonie anno 1877. Ähnliche Anwandlungen durchzucken den Zuhörer jetzt mehrfach während der Realisation des Werkes durch die Rheinische beim Koblenzer Musik-Institut. Wie damals im Wiener Musikverein das Publikum gespannt war auf die neueste Komposition von Brahms, so war es jetzt auch das Auditorium in der Rhein-Mosel-Halle auf die Leistung des hiesigen Staatsorchesters beim zweiten Anrechtskonzert unter Stabführung seines neuen Chefdirigenten Garry Walker.

Das ebenso vielgestaltig gefühlige wie kompositorisch komplexe Brahms-Stück beschließt einen Abend, der als Generaleindruck hinterlässt: Hier wird hoch konzentriert mit großer Ernsthaftigkeit musiziert. Wobei Ernsthaftigkeit nicht allein Tragik und Dramatik meint, sondern stets die kunstvolle Ausformung auch von Leichtigkeit, Ausgelassenheit, Witz einschließt. Von all dem gibt es reichlich. Und wie Walker es jeweils haben will, macht sein mal nach weitem Klangatem ausgreifendes, mal strammes, mal treibendes, mal lässig tänzelndes, immer aber gelassenes Dirigat sichtbar.

Hinsichtlich der Spielkultur fällt zuvorderst die feine Abstimmung der Register ins Ohr. Resultat ist ein ausgewogener, voller Orchesterklang – der auch die härteste Bewährungsprobe besteht: in jenem extrem leisen und zarten Pianissimo nicht zu zerbröseln, auf das Walker wiederholt bis in den Grenzbereich des gerade noch hörbaren Hauchs abzielt.

Die Haupt- und Nebenthemen dieser Sinfonie sind längst Ohrwürmer der Klassikszene. Weshalb Wiederbegegnungen damit häufig zu wohligem Baden im Vertrauten werden. In solchen Genuss kommt man auch diesmal; und zum furiosen Finale lässt Walker nach allgemeiner Manier den Dingen ihren ungestümen Lauf. Aber da ist noch etwas anderes, Interessanteres: die Wechselwirkung zwischen den Themen, ihr Ineinandergreifen, ihre variierende Fortentwicklung, ihr Übergehen von einer Instrumentengruppe zur anderen, die damit verbundenen Klangverschiebungen und Stimmungsumschwünge.

Walker und das Orchester machen dieses Netz transparent, lassen es uns mit filigran abgestimmter, jeden Übergang und Umschwung sorgfältig ausarbeitender Art „durchhören“. Manch einer im Publikum dürfte dabei mancher Eigenart und Raffinesse in der 2. Brahms-Sinfonie erstmals gewahr werden. Derartige Entdeckerlust am Altbekannten ist sehr vielversprechend. Für solch erhellende Feinarbeit auch und gerade im Kleinen gewährt der Dirigent die nötige Zeit und nimmt also das Grundtempo einen Tick langsamer als es der Hörer von anderwärts gewohnt ist.

Das gleiche Ansinnen führt beim vorausgehenden Cellokonzert Antonín Dvořáks im ersten Moment zu etwas Irritation. Denn der 35-jährige Solist Nicolas Altstaedt drückt bei seinem Einsatz plötzlich aufs Tempo. Doch sind beide Profi genug – auch lange befreundet – sich binnen wenigen Tönen wieder zu finden; dies nicht zuletzt in ihrer gemeinsamen Ernsthaftigkeit des musikalischen Strebens. Was folgt, ist eine hinreißende Zwiesprache zwischen Solist und Orchester sowie ein Cellospiel, das nichts wissen mag von Virtuosenzirkus. Das vielmehr überzeugt, nachher auch lautstark bejubelt wird, mit wohlüberlegtem Wechsel zwischen klangklarem, innigem, kantilenem Singen und fein portionierter Feurig- und Ruppigkeit.

Das Konzert begann mit Jean Sibelius‘ „Der Schwan von Tuonela“. Das schwermütige Stück mit seinem großen Englischhorn-Solo wurde unversehens zu einem „In memoriam“ für Leonard Pietjou. Der langjährige Meister des Englischhorns bei der Rheinischen Philharmonie ist vor wenigen Tagen nach schwerer Krankheit 62-jährig verstorben. Das Orchester und Annika Steinkamp am Englischhorn erwiesen ihrem Kollegen auf berührende Weise musikalisch eine letzte Ehre.

 

Rhein-Zeitung │ 23. Oktober 2017 │ Andreas Pecht


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MIT EINEM SCHOTTEN
AUF UNGARISCHEN PFADEN

 

Er ist emsig, steht in seiner ersten Saison als neuer Chefdirigent der Rheinischen Philharmonie in rund zwei Dritteln aller Konzerte am Pult, auch beim ersten Orchesterkonzert im Görreshaus: Garry Walker, vor zwei Jahren unter mehr als 100 Bewerbern als Nachfolger Daniel Raiskins gekürt. Zum Einstieg wandert der Naturfreund Walker mit dem Staatsorchester nicht auf schottischen, sondern auf ungarischen Pfaden, unter dem Motto „Eljen a Magyar“, „Hoch lebe der Ungar“, entlehnt einer Schnell-Polka von Johann Strauß.

Die steht nicht auf dem Programm, dafür ungarisch Imprägniertes von Zoltán Kodály und Béla Bartók. (…) Die durch eine Haydn-Sinfonie gewürzte Mischung entspricht Walkers Konzept, dem Koblenzer Publikum erst einmal „a well-balance diet“, eine bekömmlich ausbalancierte Kost vorzusetzen. Schon bei Kodálys „Ungarischem Rondo“ (…) wird klar, dass diese Bekömmlichkeit keinesfalls Glätte meint. Da ist ein Ganzkörperdirigent am Werk, der, so Stimmen aus dem Orchester, zwar menschlich angenehm unautoritär und uneitel ist, musikalisch aber konsequent arbeitet. Der in Dynamik und Tempo auf Kontrast setzt, die typischen Synkopierungen und Punktierungen der ungarischen Volksmusik lustvoll mit dem Orchester ausreizt. (…)

Kodálys Kindheitserinnerungen an Sommertage in einem kleinen Städtchen, an eine dort auftretende berühmte Zigeunerkapelle verarbeitende „Tänze aus Galanta“ sind da doch ein noch lohnenderer Stoff mir ihren Wechseln zwischen temperamentvollen Verbunkos, Liedern und Tänzen, mit denen Soldaten angeworben wurden, und langsameren, elegischen freien Passagen. Virtuosen Klarinetten- und Flötensoli stellt Walker die Streicherregister desto geschlossener, klangvoller entgegen. Für dieses Dessert der Walker’schen Diät bedankt sich das Publikum mit minutenlangem Beifall.

Ein bisschen schwerer im Magen liegt offenbar einer der Hauptgänge, Béla Bartóks Divertimento für Streichorchester Sz 113. Das tut es vielleicht deshalb, weil dieses Werk 1939 zwar in sehr angenehmer Atmosphäre komponiert wurde – nämlich im Schweizer Chalet von Bartóks Baseler Mäzen Paul Sacher. Die Schatten des Krieges waren aber schon dort zu spüren. Sie verdunkeln musikalisch immer wieder das Divertimento, trüben, in Form unerbittlicher Synkopen, gleich das so lebenslustig mit einem schwungvollen Kolo startende Allegro. Sie verdunkeln bis hin zum Trauermarsch den langsamen Satz und verleihen dem neobarocken, mit Concerto-grosso-Effekten spielenden Finale einen bitter-grotesken Beigeschmack.

Das ist für Walker genau das Richtige, für einen Dirigenten, der gern den vollen Orchesterklang auskostet, dann aber intensiv am Leisen, an kleinsten Nuancen ziseliert. Das tut auch Joseph Haydns Sinfonie Nr. 70 D-Dur wohl, von Ungarischem gänzlich unbeleckt, aber immerhin zur Wiedereröffnung des Theaters in Esterháza erstmals aufgeführt. Eine Sinfonie, die zwar, vor allem in den Ecksätzen, entsprechend Pomp entfaltet, mit strahlenden Fanfarenmotiven zu Beginn, mit einer kunstvollen Tripelfuge im Finale, die jedoch in den Mittelsätzen unerwartet innehält mit klagenden Moll-Wendungen im Andante, einem bittersüßen, pianissimo-zarten Trio im Menuett.

 

Rhein-Zeitung │ 5. Oktober 2017 │ Lieselotte Sauer-Kaulbach


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WECHSELFÄLLE DER LIEBE
DREIMAL DURCH TANZ ERZÄHLT

 

Drei Choreografen, zwei Dirigenten und ein leibhaftiger Komponist, im Graben die Rheinische Philharmonie in unterschiedlichen Besetzungen, auf der Bühne zwei Schauspieler und natürlich die gesamte Tanzcompagnie: Das Theater Koblenz bietet einiges auf für seine erste Ballettproduktion in der Spielzeit 2017/18.

Es gibt viel zu sehen und allerhand Interessantes zu hören im Laufe des 135-minütigen Abends aus drei eigenständigen Teilen. An Abwechslung herrscht kein Mangel unter dem Motto „Gefallene Helden“, das ebenso gut „Wechselfälle der Liebe“ hätte lauten können.

Den Auftakt macht eine Choreografie von Gast Andreas Heise zu Musik von Christoph Willibald Gluck aus der Oper „Orfeo ed Euridice“. Unter dem Dirigat von Daniel Spogis erklingt das hervorragend eingestellte Orchester in bald munter treibender, bald gefühligen bis tragischen Schmerz zeichnender Präzision und Klarheit. Der Tanz erzählt auf der Bühne dazu unter dem Titel „Orfeo“ die Geschichte eines Paares, das sich findet, verliert, wiederfindet, um sich am Ende erneut zu verlieren. (…)

Unter den darstellenden Künsten gewährt das Ballett den Zusehern wohl die meiste Deutungsfreiheit. Das gilt an diesem Abend noch stärker für die Choreografie des Koblenzer Ballettchefs Steffen Fuchs zur Uraufführung der Auftragskomposition „Quartett“ des anwesenden Marijn Simons. Die intellektuellen Vorarbeiten dafür rekurrieren auf Heiner Müllers gleichnamiges Zweipersonenstück von 1980 sowie dessen Bezugnahme auf de Laclos‘ Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ aus dem Jahr 1782. (…) Die gewiss nicht leicht zu musizierende, von Dirigent Mino Marani und der Rheinischen Philharmonie jedoch fabelhaft realisierte Komposition schickt rhythmisch, klanglich, strukturell ein Furioso nach dem anderen aus dem Graben. Das Werk ist ein an scharfen Kontrasten reicher Parforceritt durch Stile der Musikgeschichte vom Barock bis zum Jazz – und kommt damit dem epochenübergreifenden Disput in Müllers „Quartett“ recht nahe. (…)

Ganz anders der Schlussteil „Les autres“ von Gastchoreograf Ihsan Rustem zu Musik von Henryk Górecki, in dem Lebenserfahrungen der Tänzer zu unterschiedlichsten Szenen verarbeitet sind. (…) Wie anfangs Heise, spielt auch Rustem mit großen Formationen, lässt zugleich viel Raum für filigrane Kleingruppen und Solistisches. Er greift zu Bewegungsformen und Figuren, die hierorts recht ungewohnt sind – und unterstreicht so zum umjubelten Abendschluss: Regelmäßig auch Gastchoreografen einzubeziehen, kann der örtlichen Tanzkunst nur förderlich sein.

 

Rhein-Zeitung │ 2. Oktober 2017 │ Andreas Pecht


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EINE WILLKOMMENSUMARMUNG
VOLL STURM UND DRANG

 

Der erste Eindruck hat keine zweite Chance: Wenige Millisekunden gestehen wir einem uns unbekannten Menschen zu, bevor wir ein Urteil über ihn fällen. Ähnliches gilt für Kollektive: Sekunden entscheiden darüber, ob für ein Orchester und einen neuen Dirigenten eine freudvolle Zusammenarbeit beginnt oder nicht. Genau diese Augenblicke zwischen dem Staatsorchester Rheinische Philharmonie und dem Schotten Garry Walker fielen 2015 offenbar beglückend aus: Mit überwältigendem Votum erkor sich das in Koblenz residierende Orchester Walker zum Nachfolger Daniel Raiskins als Chefdirigent.

Beim ersten Anrechtskonzert des Musik-Instituts Koblenz ist das Publikum nun – nach einer Interimssaison mit wechselnden Dirigentenhandschriften – Zeuge einer beherzten Willkommensumarmung. Man spürt, sieht, hört: Was auf der Bühne passiert, will den Namen „Partnerschaft“ führen. Wie auch vor zwölf Jahren, beim gleichen Anlass, muss der alten Weisheit gedacht werden: „Neue Besen kehren gut.“ Was aber, wenn der Besen gar kein solcher sein will? Denn nach Reinigen, Ausputzen oder gar nach Aufräumenmüssen klingt dieses erste einer langen Reihe von Konzerten mit Garry Walker inner- und außerhalb von Koblenz überhaupt nicht, eher schallt dem Publikum ein ostentatives Wirgefühl entgegen. Die Rheinische hat ihren Beziehungsstatus offenbar auf „verliebt“ geändert und das hört man. (…)

Dabei gibt der Programmablauf zu einem potenziell prächtigen Finale hin den Verlauf praktischerweise vor – und das Ausschöpfen dieser Möglichkeit gelingt mit Gustav Mahlers erster Sinfonie auch plangemäß. Nicht nur für die damaligen Zeitgenossen der Uraufführung 1889 sprengte der offizielle sinfonische Erstling Mahlers alle Erwartungshaltungen, auch heutige Aufführungen des Fünfzigminüters stellen Anforderungen an Ausführende und Zuhörende, die in der Frage nach einem Spannungsbogen eine Schnittmenge teilen. Diesen Bogen vonseiten der Interpreten aufrechtzuerhalten, ist die wohl größte Kunst – gelingt sie, hat auch das Publikum die Chance gleichzuziehen.

Und diese Punktlandung gelang unter voll gesetzten Segeln und mit Sturm und Drang: Unter Walkers Leitung findet die Rheinische Philharmonie zu beeindruckendem Klangreichtum. Keineswegs nur im finalen Schlussjubel, auch in den vielen sphärischen Streichergeweben zu Beginn, dem gut präparierten Augenzwinkern der Bläser in den parodistischen Passagen und der Energieversammlung in vielen potenziellen Hakelstellen der Sinfonie erzielt diese Leistung zwischen berückend und beglückend (…) hohe Ausschläge auf der Emotionsskala.

Bei Mahler gelingt auch die interpretatorische Profilierung, die zu Beginn hinter dem allbestimmenden Gefühl begeisterter Leichtigkeit zurückzutreten bereit schien: Jacques Iberts „Hommage à Mozart“, ein fluffig-quirliges Auftaktstück, atmet zu viel Adrenalin (…) – was nur der Aufregung des Beginns geschuldet sein kann, denn das hohe Maß an Präzision, das Garry Walker in seinem spielerischen, hier fast tänzerisch-gelenkigen Dirigat vorgibt, ist auch für die Zuschauer nachvollziehbar.

Auch der erste Schwerpunkt des Konzertes, Mozarts „Jupiter“-Sinfonie, ließe Nachfragen zu. (…) Die hineindringende Moll-Welt des tieftragischen Mozart nicht ganz so offenbar zu betonen, eher gepflegt und mit feinen Unterschieden (…) zu phrasieren und auf Proportionen dieser Sinfonie gemessen hinzuweisen – gerade in Vorbereitung auf den formenlösenden Mahler: Auch das könnte natürlich durchaus eine, wenngleich ziemlich zurückhaltende Interpretationsabsicht sein. Und immerhin gelingt schon im Mozart-Schlusssatz ein Zusammentreffen der Fugato-Stimmen zu einem mehrdimensionalen, nicht auf Glanz und Nachdruck versessenen Klangrelief, das Lust macht auf die vielen nächsten Kapitel dieser jungen Beziehung von Dirigent und Orchester, die sich hoffentlich einen Teil des leidenschaftlichen Enthusiasmus des Beginns erhalten kann.

 

Rhein-Zeitung │ 25. September 2017 │ Claus Ambrosius


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